12. September 2017

Landesapothekerverband Niedersachsen e.V.

Leistungen und Verantwortlichkeiten der Apotheke vor Ort

1. Apotheker in Niedersachsen sind hochqualifizierte Arzneimittelexperten. Zusammen mit ihren pharmazeutischen Mitarbeitern geben

sie Arzneimittel auf Rezept ab und beraten ihre Patienten bei Gesundheitsfragen. Oft unterstützen sie ihre Patienten auch in schwierigen

Lebenslagen, indem sie eine Lotsenfunktion im Dickicht der Gesundheitsversorgung einnehmen. Hinzu kommt die Erfüllung von

Gemeinwohlpflichten. Dazu zählen Nacht- und Notdienst, Botendienste oder die Herstellung von Rezepturen. Diese

Gemeinwohlaufgaben werden nicht kostendeckend vergütet, sondern werden aus anderen Leistungen querfinanziert.

Welche Leistungen und Verantwortlichkeiten sehen Sie neben der reinen Arzneimittelabgabe zukünftig bei der Apotheke

vor Ort und wie können diese aufgewertet werden?

DIE LINKE steht dafür, den heilberuflichen Charakter der pharmazeutischen Berufe zu stärken, die Kooperation unter Kolleginnen

und Kollegen zu fördern und den wirtschaftlichen Wettbewerb zu begrenzen. Apotheken sind der niedrigstschwellige Zugang zum

Gesundheitssystem. Diese door-opener-Funktion sollte bei der Weiterentwicklung des Berufsbilds Berücksichtigung finden.

Flächendeckende Versorgung

2. Landflucht, Urbanisierung, eine älter werdende Gesellschaft und Migration stellen das Gesundheitssystem vor Herausforderungen.

Noch gibt es keine Versorgungsengpässe in Niedersachsen. Die Einführung des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen

Medikamenten wird mittelfristig aber zu einer Verschlechterung der flächendeckenden Versorgung führen. Insbesondere für die älter

werdende Bevölkerung, für chronisch Kranke und für junge Familien ist es wichtig, sich in einem Flächenland wie Niedersachsen auf ihre

wohnortnahe Gesundheitsversorgung rund um die Uhr verlassen zu können.

Was tun Sie und Ihre Partei dafür, dass die wohnortnahe Gesundheitsversorgung in Niedersachsen erhalten und ausgebaut

wird?

DIE LINKE hat sich immer klar für das Mehr- und Fremdbesitzverbot und für den Erhalt der Präsenzapotheke ausgesprochen. Nicht

nur wegen der Arbeitsplätze, auch wegen ihrer Funktion in einem funktionierenden Sozialleben gerade im ländlichen Raum dürfen

Apotheken nicht dem heute vorherrschenden wirtschaftsliberalen Dogma geopfert werden.

Rx-Versandhandelsverbot

3. Seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) im Oktober letzten Jahres besteht für ausländische Versandapotheken ein

Wettbewerbsvorteil gegenüber deutschen Apotheken beim Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel. Denn laut Urteil des EuGH müssen

sich ausländische Versandapotheken nicht an die deutsche Arzneimittelpreisverordnung halten. Ein Versandverbot rezeptpflichtiger

Arzneimittel könnte wieder ein Gleichgewicht im Wettbewerb herstellen und zum Erhalt der niedersächsischen Apotheken beitragen.

Wie stehen Sie zu einem Versandhandelsverbot rezeptpflichtiger Arzneimittel in Deutschland?

Wir haben bereits im Jahr 2009 ein Verbot des RX-Versandhandels im Bundestag gefordert, das leider von CDU/CSU, FDP, SPD

und Grünen abgelehnt wurde. Präsenzapotheken übernehmen wichtige Aufgaben des Gemeinwohls. Zudem halten wir das

persönliche Gespräch für eine Voraussetzung einer Beratung, die auch bei den Patientinnen und Patienten ankommt. Der auf das

EuGH-Urteil folgende Streit zwischen CDU/CSU und SPD sowie innerhalb der einzelnen Regierungsparteien hat nun einen

verhängnisvollen Stillstand zur Folge. Im Ergebnis werden ausländische und inländische Apotheken ungleich behandelt, denn die

einen dürfen Rabatte gewähren, die den anderen verboten sind – eine unhaltbare Situation, die durch die Untätigkeit der

Bundesregierung und der Koalition mindestens bis 2018 Bestand haben wird. Die Umsätze von DocMorris sind im ersten Quartal

um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Ausländische Internetapotheken haben nun die Möglichkeit, ihre

Position auf dem deutschen Markt zu festigen und es wird immer schwieriger, den RX-Versandhandel später noch unterbinden zu

können. Wir werden uns auch zukünftig für ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln einsetzen, da dies

die einzige konsequente und wirksame Reaktion auf das EuGH-Urteil darstellt.

Fachkräftemangel

4. Hochqualifiziertes Personal ist in der Apotheke wichtig, um durch das pharmazeutische Know-how die Qualität in der Beratung für die

Patienten zu gewährleisten. Doch gerade in den ländlichen Regionen wie bei uns in Niedersachsen wird die Suche nach gut

ausgebildeten Mitarbeitern und jungen Apothekern, die sich selbstständig machen wollen, immer schwieriger.

Wie glauben Sie, dem Fachkräftemangel zu begegnen und mehr junge Apotheker, aber natürlich auch Ärzte, in die

Regionen Niedersachsens bringen zu können?

Wie für andere Berufe auch sollte für das pharmazeutische Personal gelten: Die Arbeit soll interessant sein, die

Arbeitsbedingungen gut, der Beruf gesellschaftlich anerkannt und adäquat entlohnt werden. Insbesondere für die belastenden

Nachtdienste muss die Bezahlung für die Apothekerinnen und Apotheker so sein, dass diese ungünstigen Arbeitszeiten nicht als

unzumutbare Belastung empfunden werden. Der Versandhandel aus dem Ausland nimmt aber natürlich nicht am Apothekennotund

-Nachtdienst teil, wodurch sich die Belastung für die verbleibenden Präsenzapotheken verstärken würde, wenn der

Versandhandel nicht verboten wird.

Arzneimitteltherapiesicherheit

5. Patienten, die dauerhaft mindestens drei vom Arzt verordnete Medikamente einnehmen, haben einen gesetzlichen Anspruch auf

einen Medikationsplan, der gefährliche Wechselwirkungen ausschließen und die Arzneimitteltherapie effektiver machen soll. Der Plan

wird allerdings nur von Ärzten ausgestellt. Die Kompetenz des Apothekers als Arzneimittelexperte, der noch die Gesamtmedikation

seiner Patienten kennt, wird kaum genutzt. Die Freigabe des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten kann zu

einer Verschlechterung der Beratung führen, da die Gesamtmedikation nicht bekannt ist.

Was sollte Ihrer Ansicht nach geschehen, um das Potential der Apotheke im Medikationsmanagement und somit in der

Arzneimitteltherapiesicherheit voll auszuschöpfen und angemessen zu vergüten?

Der Medikationsplan ist ein wichtiger Teil des Medikationsmanagements. Eine solche Liste, auf der alle individuell benötigten

Arzneimittel mit den relevanten Einnahmehinweisen aufgeführt sind, kann helfen, die Therapietreue der Patientin bzw. des

Patienten und auch die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern. Erforderlich dazu wäre allerdings eine Vollständigkeit und

auch Aktualität, die bei einem papiergebundenem Plan kaum möglich wäre, und erst recht nicht, wenn dieser Medikationsplan

von der Hausärztin bzw. dem Hausarzt erstellt und geführt wird. Schließlich wissen Ärztinnen und Ärzte kaum etwas über die

Einnahme von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Hier sind die Apotheken weit stärker einzubinden und zu beteiligen.

Fraglich bleibt zudem, wie viele Patientinnen und Patienten ihre elektronische Gesundheitskarte mitbringen würden, wenn sie

ohne ärztliche Verordnung Arzneimittel besorgen. Da DIE LINKE das Konzept eCard ohnehin ablehnt, sind hier andere

Speichermedien in Patientenhand zu erproben.

Prävention

6. Apotheken in Niedersachsen bieten ein umfangreiches niederschwelliges Gesundheitsangebot und haben viele Patientenkontakte.

Gerade Apotheken könnten in der Prävention von Krankheiten – sei es in der Ernährungsberatung, Rauchstopp oder in der Impfberatung

– eine wichtige Rolle im Alltag des Patienten spielen. Das Potential wird allerdings nur unzureichend genutzt, weil es für die Vergütung

solcher Leistungen keine Rechtsgrundlage gibt.

Möchten Sie sich für die Schaffung der Rechtsgrundlage und das Heben des Vorsorgepotentials von Apotheken

einsetzen?

Wie schon gesagt stellen Apotheken für viele Patientinnen und Patienten den einfachsten und direktesten Zugang zum

Gesundheitswesen dar. Der heilberufliche Charakter der pharmazeutischen Berufe ist zu stärken und auszubauen.

Im Zuge einer Neugestaltung der Apothekenhonorare sollte auch erwogen werden, reine Beratungsleistungen auch ohne

Medikamentenabgabe angemessen zu honorieren. So könnte den Ratsuchenden ggf. auch empfohlen werden, keine

Medikamente zu kaufen bzw. einzunehmen, wenn dies nicht nötig ist, ohne dass sich die Apotheke damit ins eigene Fleisch

schneidet. So würde auch das Vertrauen der Ratsuchenden erhöht, da derzeit viele davon ausgehen, dass Apothekerinnen und

Apotheker als Kaufleute und nicht als Heilberuflerinnen und Heilberufler agieren und daher an einem steigenden Umsatz von

Medikamenten mehr interessiert seien als an der optimalen Behandlungsart

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