3. Februar 2013

Frauenarmut – nein danke!

Am 18. November 2012 tagte die 3 Frauenversammlung 2012 des Landesverbandes

Die rundum gelungene Veranstaltung begann mit zwei kleinen Spielen als Einstimmung ins Thema:


Am 31. Dezember hat ER die Kohle im Sack! Wie viele Stunden muss SIE noch weiter arbeiten, bis sie das gleiche Geld in der Tasche hat?

Die Teilnehmerinen waren aufgefordert, sich den Zahlen zuzuordnen, die sie als richtige Antwort vermuteten. Ansteigende Zahlen waren an einem quer durch den Raum gespannten roten Seil aufgehängt, dessen Ausgangspunkt ein Plakat von IHM mit der Kohle im Sack war. Zur Überraschung der Initiatorinnen dieser kleinen Aktion – Tina Flauger, Gülten Kelloglu und Jutta Meyer-Siebert – ordnete sich nur eine Genossin dem Marker mit der höchsten Zahl zu, die zugleich die richtige ist: Frauen müssen durchschnittlich 500 Stunden mehr arbeiten, um den durchschnittlichen Verdienst von Männern zu erreichen.


Wie hoch ist in Niedersachsen der prozentuale Anteil von Frauen in Arbeitsverhältnissen, in denen der Verdienst nicht ausreicht, um davon Leben zu können?

Piktogramme von Frauen und Männern sollten jeweils einer Frauen- und Männertafel zugeordent werden. Die Auflösung am Ende war für einige dann doch verblüffend: auf der Männertafel fanden sich zwei, auf der Frauentafel acht Figuren. Der Anteil von Frauen in prekären Lohnarbeitsverhältnissen beträgt 80 Prozent.


So eingestimmt folgte die Versammlung mit großem Interesse dem Referat „Frauenarmut – nein danke! Arbeit Zeit und Geld fair teilen“ (LINK zur Präsentation) unserer Genossin Regina Stosch (feministische Soziologin, derzeit Referentin der Bundestagsfraktion), die dankenswerter Weise aus Berlin zu uns gekommen war. Regina gelang es überzeugend, die mit konkreten Zahlen unterlegte Darstellung des Ausmaßes von (Alters)Armut einer immer größer werdenden Zahl von Frauen in Deutschland nicht zu einem Klagelied von ungerecht behandelten Frauen werden zu lassen, deren politisches Handeln sich in den üblichen Forderungen „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „Gleichstellung der Geschlechter“ erschöpft. Ohne die Berechtigung dieser Forderungen in Frage zu stellen (die ja auch Forderungen der LINKE sind), gelang es ihr, durch das Einbetten des aktuellen Skandals von Frauenarmut in die historische Analyse der gesellschaftlichen Arbeitsteilungen, von denen die zwischen den Geschlechtern die erste war, Horizonte für politisches Handeln aufzuzeigen, die radikal dem Übel an die Wurzeln gehen und sich nicht in Symptombehandlung erschöpfen: Es führt kein Weg aus der Unterdrückung von Frauen und aller Menschen als die umfassende Umverteilung von Arbeit, Zeit und Geld. Regina stützte sich in ihrer Präsentation auf viele der grundlegenden Analysen von Frigga Haug, und so war es nicht überraschend, dass ihr Referat auch ein engagiertes Plädoyer für die Vier-in-einem-Perspektive als war, weil diese die Veränderung der Geschlechterverhältnisse mit im Gepäck des politischen Handelns hat. Klar war aber auch: Diese Erkenntnis in der LINKE als Kompass ihres politischen Handelns durchzusetzen bedeutet das Bohren sehr dicker Bretter. Aber auch hier hatte Regina ermutigende Beispiele: sie zeigte an den LINKEN Konzepten von Renten- und Bürger_innenversicherung der Bundestagsfraktion, wie konkrete politische Strategien durchsetzbar sind, die an alten Arbeitsteilungen kratzen und sie beginnen zu verändern. Am Ende der sehr intensiven Diskussion stand dann auch übereinstimmend, dass wir in Niedersachsen den Weg weitergehen wollen, die Vier-in-einem-Perspektive als Weg revolutionärer Realpolitik praktisch zu machen.


Im zweiten Teil der Veranstaltung konstuierte sich der Landesrat LINKE Frauen. Für die erste Veranstaltung am 24. Februar 2012 ist als Thema „Die Vier-in-einem-Perspektive zum Anfassen“ festgelegt worden. Einig waren sich die Frauen aber auch, dass wir mit einer solchen sozialistisch-feministischen Gesellschaftsanalye, wie sie Regina mit ihrem Referat auf den Punkt gebracht hat, in die Kreisverbände ziehen und mit Genossinnen und Genossen diskutieren müssen.


Auch die frauenpolitische Wahlkampfstrategie, wie sie im Wahlprogramm formuliert ist, erfuhr Bestätigung: Solange Frauen quer durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen den Männern unter- bzw. nachgeordnet sind, muss LINKE Politik Frauen stärken, sich aus solchen Verhältnissen zu befreien. Deshalb tritt die LINKE im Unterschied zu allen Parteien auf der parlamentarischen Ebene dafür ein, die dafür nützlichen, von der schwarz-gelben bzw. schon der Schröder-Regierung abgeschafften Instrumente – ein Gleichberechtigungsgesetz, dass die Emanzipation der Frauen zum Ziel hat und ein Frauenminsterium - wieder in Stand zu setzen.