6. September 2017

Für ein Neues Normalarbeitsverhältnis

Rechtzeitig zum Wahlkampf haben der Parteivorsitzende Bernd Riexinger u.a. ein Konzept „Für ein neues Normalarbeitsverhältnis“ veröffentlicht und in Kurzform der LINKEn vorgelegt (http://jutta-krellmann.de/aktuelles/fuer-ein-neues-normalarbeitsverhaeltnis-von-berndriexinger/). Sie greifen damit offensiv und grundsätzlich in die gesellschaftlich breit geführte Debatte um Arbeit und Zeit ein. Die Sprecherinnen des Landesrates LINKE Frauen, Andrea Henkel, Jutta Meyer-Siebert und Tina Flauger, begrüßen diesen Vorstoß. Sie heben insbesondere hervor, dass mit diesem Konzept der Veränderung der Arbeitsverhältnisse dezidiert auch die Veränderung der Geschlechterverhältnisse in den Blick genommen werden.
Die Sprecherinnen führen aus:

  • Die Forderung, fürsorgliche Arbeit, die konkret und unmittelbar dem Wohlbefinden der Menschen gilt (und nach wie vor mehrheitlich von Frauen getan wird), in ihrer Bewertung (und Bezahlung) auf gleiche Augenhöhe mit den Arbeiten zu stellen, die der Herstellung und Konsumtion von Gütern und Dienstleistungen dienen, räumt tendenziell auf mit der hartnäckigen Verknüpfung der Unterordnung von Fürsorgearbeit mit der Unterordnung derjenigen, die diese Arbeit tun;

  • die Forderung, die Erwerbsarbeitszeit zu verkürzen und zwar für alle (nicht nur für Eltern, wie es in der SPD vorgeschlagen wird), ermöglicht es tendenziell allen Geschlechtern, Zeit zu gewinnen für ihr Recht, sich gleichberechtigt in Bereichen zu betätigen, die ihnen in den „alten“ Arbeitsteilungen eher verschlossen bleiben, weil sie in den jeweils anderen geschlechtsspezifisch festgenagelt sind. Das kommt den in Job und Familie doppeltgestressten Frauen genauso entgegen wie (jungen) Männern, denen es zunehmend dämmert, wie reduziert ihr durch Erwerbsarbeit (zeitlich) dominiertes Leben eigentlich ist (in prekären wie in gesicherten Jobs). Mehr Zeit ermöglicht es, auf gemeinschaftlichere, kulturelle Formen des Zusammenlebens zu  orientieren, die aus der Engführung einer auf Kleinfamilie bezogenen Problematik „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ herausführt. Ermöglicht würde zudem, dass sich alle Geschlechter einmischen können in die Politik, miteinander darum ringen, wie wir leben, was wir produzieren wollen; dass sich alle das jetzt schon vorhandene, aber nicht für ein Aufhalten der Katastrophen in der Welt genutzte Wissen aneignen, um es genau dafür zur Anwendung zu bringen.

  • Alle Bereiche des Lebens hängen zusammen, wir müssen die Erfahrungen aus allen ohne Hierarchie auf gleicher Augenhöhe in unsere Veränderungsfantasie und -arbeit einbringen. Das eröffnete uns die Möglichkeit, die gewonnene Zeit, die Resultat der immensen Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus ist, zu nutzen, um sie gegen das weltumfassend kapitalistische Prinzip zu wenden, das nur den Profit für wenige im im Auge hat – aber ohne das Kind mit dem Bade auszuschützen: Die Vison eines guten Lebens für ALLE wird ohne Produktivit und die Entwicklung der Produktivkräfte nicht aus dem Himmel auf die reale Welt komplexer Widersprüchlichkeiten zu holen sein.

  • Das Konzept für ein „Neues Normalarbeitsverhältnis“ weist in eine solche Richtung, es braucht allerdings noch feministische Radikalisierung. So fehlt die Einbeziehung der fürsorglich häuslichen Arbeit, die zu zwei Dritteln von Frauen unbezahlt geleistet wird. Ohne sie kann Gesellschaft nicht existieren. Auch sie gehört in den Szenarien über Umverteilung von Arbeit und Zeit auf die Agenda - auf Augenhöhe mit allen anderen gesellschaftlich notwendigen Arbeiten, jedoch ohne auch sie umfänglich durch Bezahlung dem Lohn-/Kapitalwiderspruch zu überlassen.

Es bleibt also noch viel zu diskutieren. Wir nehmen das Konzept als Ermutigung, die Debatte um die 4in1 Perspektive wieder verstärkt auf die Agenda der LINKEn zu bringen.

Und wir sehen uns bestätigt für unser Wahlkampfplakat. „Frauen*Männer – solidarisch auf Augenhöhe“ hat genau diese vielschichtige Perspektive im Visier, die das Konzept von Riexinger und Co - ausgehend von der Erwerbsarbeit -, anschieben kann: Lasst uns ihm umfassenden Schwung geben.