13. Dezember 2016

Das Maß ist voll! Ein offener Brief zum vermehrten Antifeminismus

Mit Schrecken beobachten wir den Aufstieg rechter, konservativer Kräfte in Deutschland und anderswo. Damit verbunden ist ein antifeministischer Aufbruch, der nicht nur frauenfeindlich ist, sondern, der versucht ein stereotypes Bild von Mann- und Frausein sowie ein konservatives Familienbild festzuschreiben und bereits Erkämpftes wieder zurückzudrängen. Dinge, die wir vor kurzem noch für unmöglich hielten sind möglich geworden: Der „mächtigste Mann der Welt“ wird ein Mensch sein, der im Wahlkampf mit Aussprüchen wie „Grab her by the Pussy“ sexualisierte Gewalt gegen Frauen wieder offensiv gesellschaftsfähig gemacht hat.

Dieser antifeministische Aufbruch versteckt sich in Deutschland hinter einer irreführenden Kritik am Begriff „Gender“, wobei mit immer wiederholten Scheinargumenten der Feminismus und das eintreten für Geschlechtergerechtigkeit mitunter sogar verantwortlich für den Aufstieg von Rechtspopulist*innen gemacht werden. Aktuell wird dies bei der medialen Auswertung der Trump-Wahl deutlich.

Die Verwendung geschlechtergerechter Sprache soll durch überspitzte und absurde Beispiele lächerlich gemacht werden. Das Eintreten für Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit wird als „Genderwahn“ oder „Genderismus“ abgetan und soll als „Zwang von oben“ delegitimiert werden. Der linke Feminismus steht für eine emanzipatorische gesellschaftliche Transformation in Richtung sozialer Gerechtigkeit und zielt auf ein gutes Leben für ALLE Menschen. Er präsentiert klare Alternativen zu prekären Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen. In seiner seriösen Verwendung zielt der Gender-Begriff in diesem Zusammenhang darauf, traditionelle Rollenverteilungen und Geschlechterstereotype zu hinterfragen. Dieses befreiende Anliegen wird mit der antifeministischen Kritik, die zum großen Teil auf Halbwissen und Stereotypen beruht, ins Gegenteil verkehrt.

Mit besonderem Schrecken beobachten wir, dass, statt diese antifeministischen Tendenzen entschieden zurückzuweisen, Teile der LINKEN sich dieser Rhetorik anschließen. Dabei wird häufig ein scheinbarer Interessensgegensatz  zwischen der Arbeiterklasse und dem Feminismus aufgemacht, den es so nicht gibt. Es wird so getan, als wäre die Arbeiterklasse durch „elitäre“ feministische Positionen in die Arme der Rechten getrieben worden. Anstatt auf die Wahl von Donald Trump und den damit verbundenen extremen Angriff auf Geschlechtergerechtigkeit mit einer besonderen Solidarisierung mit feministischen Positionen zu reagieren, werden mühsam erkämpfte Positionen aufgegeben. Warum? Etwa um Stimmen am rechten Rand zu fischen?

Allen, die sich in letzter Zeit populistisch gegen den emanzipatorischen Gender-Begriff gestellt haben und feministische sowie antirassistische Errungenschaften unter dem Deckmantel der Kritik an einer sogenannten „Zensur der politischen Korrektheit“ angegriffen haben, entgegnen wir entschieden: Ihr seid uns damit in den Rücken gefallen! Und zwar nicht nur uns feministischen Parteimitgliedern, sondern auch unseren vermehrt jungen weiblichen Wählerinnen, die bei der Kommunalwahl DIE LINKE. gewählt haben, weil sie sie für eine feministische Partei hielten; Den Alleinerziehenden, die jeden Tag um ihre Existenz kämpfen, den prekär beschäftigten Pflegearbeiter*innen (die ihr in eurer Vorstellung von „Arbeiterklasse“ so gerne vergesst) und jedem Menschen mit einer feministischen emanzipatorischen Grundeinstellung. Dazu gehören übrigens auch Männer, die kein Bock mehr aufs Patriarchat haben, die Sorgearbeit leisten wollen, ohne dafür belächelt zu werden.

Auch in der LINKEN kämpfen wir ständig gegen sexistische Strukturen: Seit Gründung der Partei stagniert der weibliche Mitgliederanteil quasi, vor allem auf lokaler Ebene gibt es Probleme überhaupt die Quote einzuhalten, sexistisches Verhalten wird oft schweigend toleriert, feministische Positionen teilweise bagatellisiert, in den meisten Sitzungen dominiert männliches Redeverhalten deutlich – um nur wenige Beispiele zu nennen. Wir haben diese Situation nicht jahrelang ertragen, um jetzt unsere hart erkämpften Errungenschaften von euch mit Füßen treten zu lassen! Wir werden feministische Positionen weder kampflos aufgeben, noch eure kruden Ansichten weiter schweigend hinnehmen. Das Maß ist voll!

Im Programm der Partei DIE LINKE heißt es: „DIE LINKE versteht sich als sozialistische und feministische Partei, die patriarchale und kapitalistische Verhältnisse überwinden will.“ Wir haben nicht den Eindruck, dass diese im Programm vertretenen Positionen in der Vergangenheit in politischen Debatten sonderlich präsent gewesen wären. Leider ist davon auch in der aktuell formulierten Wahlstrategie zur Bundestagswahl nichts mehr zu lesen. Gerade vor dem Hintergrund derzeitiger antifeministischer Tendenzen empfinden wir dies als unsolidarisch. Enthalten ist zwar die Erkenntnis, dass rechte Ansichten uns frauenpolitisch ins 19. Jahrhundert zurückwerfen – aber was die LINKE dem entgegen setzen will, bleibt offen.

Wenn eine emanzipatorische Partei auf einen Angriff von Rechts mit der Rücknahme grundlegender Werte reagiert, führt sie sich selbst ad absurdum. Eine feministische Partei ohne Feminismus braucht niemand! 

Andrea Amri-Henkel, Kreszentia Flauger, Jutta Meyer-Siebert

(Sprecherinnen des Landesrates Linke Frauen)